Markus und Fritz von der Bergrettung Saalbach Hinterglemm | © Edith Danzer
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Die Bergretter

Leben in Alarmbereitschaft

„Piep, Piep, Piep“, durchdringt der schneidende Ton des SMS die Stille und das Display des Smartphones leuchtet im Dunkel der Nacht. In Sekundenschnelle sind sie hellwach, verschaffen sich beim Lesen der Nachricht einen ersten Überblick über die Almarmierung, während sie ihr Equipment schnappen und loslaufen. Hinein in die Nacht, die Kälte und oft ungewisse Gefahrenmomente, um Bergsportler aus Notlagen zu befreien. Zurück bleiben die eben noch entspannte Zweisamkeit, die Wärme und Behaglichkeit des Zuhauses.

Keine Nachwuchssorgen

„Alpine Notlage ohne Verletzung“, lautet in den meisten Fällen der Inhalt der Alarmierung im Winter erklärt Sepp Mitterer, seit 2012 Chef der Bergrettung Saalbach Hinterglemm. Rund 36 aktive Mitglieder zählt der Stützpunkt im Glemmtal und Nachwuchssorgen plagen den ehrenamtlichen Verein keine, wie Sepp Mitterer meint: „Wir haben viele ausgezeichnete junge Bergretter im Team. Wir profitieren dabei natürlich von der Bergsportaffinität der Region. Die Jungen sind Bergsteiger und klettern ohnehin gern. Wir sprechen sie einfach an, ob sie zu uns kommen möchten.“ So auch Markus Mitterer. Der 40-Jährige lacht und meint: „Auch mein Vater ist Bergretter, da war es irgendwie klar, dass ein Beitritt für mich einmal zum Thema wird. Anfangs hab ich mich etwas gespreizt, denn ich fürchtete, dass meine Freizeit drunter leidet und das ,auf den Berg müssen‘ zum Problem wird. Schnell merkte ich aber, dass das Vereinsleben und die Ausbildungen gemeinsam mit gleichgesinnten Bergfexen eine absolute Bereicherung für mich war. Heute bin ich ohnehin staatlich geprüfter Bergführer und auch beruflich immer am Berg.“

Bergliebe allein macht noch keinen Bergretter.

Wer von der Bergrettung aufgenommen wird, muss eine mehrteilige Ausbildung durchlaufen. Sepp Mitterer erklärt: „Eine körperliche Eignung und Bergerfahrung ist natürlich Voraussetzung. Prinzipiell ist das Mindestalter 17 Jahre. Wir warten aber lieber noch ein paar Jahre mit der Aufnahme, bis die jungen Leute ihre Schule, das Bundesheer oder die Berufsausbildung abgeschlossen haben. Wenn sie bereits im Berufsleben stehen wissen sie meist auch, ob sie wirklich auch die Zeit für Übungen und Ausbildung haben und die Flexibilität für die Einsatzbereitschaft aufbringen möchten. So ist die Ausfallquote sehr gering und die jungen Leute bleiben bei uns.“ „Die Bergrettung ist kein Hobby. Sie ist Leidenschaft und Lebenseinstellung“, meint Fritz Steger, der seit 2011 im ehrenamtlichen Dienst der Bergrettung ist, und der 24-Jährige fügt hinzu: „Die Ausbildung ist in drei Blöcke aufgeteilt und schon beim ersten Kurs wird selektiert. Je eine Woche wird zum Thema ,Fels‘, ,Eis‘ und ,Winter‘ in Theorie und Praxis unterrichtet. Auch eine viertägige alpinmedizinische Ausbildung wird absolviert. Neben der körperlichen Fähigkeit wird dabei auch die psychische Eignung geprüft. Man muss gewisse Limits erfüllen und jeder Block endet mit einer Prüfung. Zusätzlich nehmen wir  auch in der Ortsstelle jedes Jahr rund 25 Stunden an Übungen teil. Genau so wichtig wie die körperliche Eignung, die Sportlichkeit und die Belastbarkeit ist aber auch die zeitliche Verfügbarkeit!“

 

Der sportlichste Bergfex mit den besten Voraussetzungen nutzt der Bergrettung nichts, wenn er die zeitliche Belastung durch die Einsätze nicht aufbringen kann. Doch Sepp Mitterer hat auch auf dieses Detail ein Auge, bei der Auswahl der Mitglieder und erklärt: „Markus zum Beispiel ist als Bergführer unter Tags schwer verfügbar, wenn er selbst mit Gästen unterwegs ist. Doch dafür ist er bei Abend- und Nachteinsätzen dabei. Fritz ist als Koch im elterlichen Hotel abends nur schwer abkömmlich, ist aber bei Tageseinsätzen sofort zur Stelle und mit seiner Motocross oft als erstes beim Einsatzort. So haben wir eine gute Mischung und bei einer Alarmierung kann ich mich darauf verlassen, dass immer ausreichend Bergretter am Treffpunkt erscheinen. Das funktioniert natürlich nur, wenn das Verständnis der Arbeitgeber vorhanden ist. Ein Angestellter, der bei einer Alarmierung alles stehen und liegen lässt, um jemanden aus einer Notlage zu retten, muss volle Rückendeckung von Chef und Mitarbeitern erhalten. Wir können uns sehr dankbar schätzen, dass alle Firmen uns hier riesig unterstützen. Unterstützung erfahren wir aber auch von unseren Familien, die oft mitten in der Nacht oder unter einem gemütlichen Essen verlassen werden, um anderen zu helfen.“

Die Alarmierung

Im Grunde kann immer etwas sein. Egal, ob Sommer, Winter, Tag oder Nacht – die Bergretter sind jederzeit in Alarmbereitschaft und der Einsatzrucksack ist gepackt. Über die Rotkreuz-Zentrale erfolgt die Alarmierung der Ortsstelle. Hier macht sich Sepp Mitterer – oder in seiner Abwesenheit sein Stellvertreter Franz Gratzer ­– einen ersten Überblick und informiert seine Mannschaft über SMS. „In diesem SMS steht, um welchen Notfall es sich handelt. Im Winter handelt es sich sehr oft um eine alpine Notlage ohne Verletzung – wenn sich zum Beispiel Wintersportler bei der Abfahrt im freien Gelände in einem Graben verirren und nicht mehr vor und zurück können. Auch der Treffpunkt wird kommuniziert und ab diesem Moment ist der Einsatz im Gange.“ „Hand auf’s Herz, kommt es auch vor, dass man sich bei einer Alarmierung überwinden muss? Man hat es sich eben nach einem anstrengenden Tag im Job mit der Freundin auf der Couch gemütlich gemacht, und schon piepst der Alarm. Draußen ist es kalt und unwirtlich und vielleicht begibt man sich durch den Einsatz selbst in einen Gefahrenbereich. Bereut man dann auch mal seine Entscheidung Bergretter geworden zu sein?“, will ich wissen. Die jungen Bergretter lachen und geben zu: „Manchmal ist es schon nicht ganz so einfach. Doch genau für diese Fälle sind wir ja Bergretter geworden! Und ist man mal unterwegs, ist es ok. Die Verunfallten haben oft Angst und Schmerzen – da könnten wir nicht einfach so am Sofa liegen bleiben. Es ist doch schön, jemandem helfen zu können. Wir haben das Können, die Ortskenntnis und die Ausrüstung um zu helfen – und das machen wir mit jedem Einsatz.“

 

Unterstützung durch Gemeinde und Bergbahnen

Durch die Unterstützung der Bergbahnen und Gemeinde konnte die Bergrettung ein Einsatz-Quad anschaffen, mit dem ein erster Bergretter schon mal zum Einsatzort vorausfährt, um sich einen Überblick zu machen. „Oft sind unsere Bergretter im Winter grade zufällig beim Skifahren im Skigebiet unterwegs. Bekommen sie dann zum Beispiel eine Alarmierung über einen Lawinenabgang, können sie bei jeder Bergstation der Lifte in Saalbach Hinterglemm Leogang und Fieberbrunn einen fertig gepackten Einsatzrucksack mit Pieps, Sonde und Schaufel ausfassen und haben so einen enormen Zeitvorsprung. Diese Einsatzrucksäcke wurden von den Bergbahnen finanziert und erleichtern uns die Arbeit sehr. Bergbahnen und Gemeinde legen mit ihrer umfassenden Unterstützung die Grundlage für unsere Arbeit“, erzählt Sepp Mitterer. Auch das Gebäude der Ortsstelle, der Quad und ein Einsatz-Jeep wird den Bergrettern von der Gemeinde Saalbach Hinterglemm zur Verfügung gestellt.

Nach dem Einsatz trifft sich das Team in der Ortsstelle. Besonders bei belastenden Einsätzen ist es wichtig, allen beteiligten Bergrettern die Möglichkeit zu geben, darüber zu reden. Sepp Mitterer hat in seiner langen Laufbahn auch schon viele tragische Einsätze erlebt und erklärt: „Die Gemeinschaft ist zum Aufarbeiten wichtig. Wir können auch jederzeit einen Psychologen dazu holen. Der kann die Belastung zwar nicht nehmen, doch er kann zeigen, wie man damit umgeht. Manch Einsätze beschäftigen uns lange Zeit. Doch es gibt ja auch sehr schöne Erlebnisse, wenn die Rettung erfolgreich war. Nach dem Einsatz wird auch der Ablauf besprochen und Feedback gegeben.“ 

 

Tipps der Bergretter

Die Zeit zählt! Bei einem Einsatz ist es daher enorm wichtig, den genauen Standort des Verletzten oder Verirrten zu erhalten, um ohne große Suche direkt zu Hilfe eilen zu können. Fritz Steger erklärt, wie auch Ortsunkundige mit Hilfe ihres Smartphones zuverlässig ihren Standort herausfinden können: „In den Dienstprogrammen findet man den Kompass – hier werden auch die genauen GPS Koordinaten angegeben. Ein Screenshot dieses Bildschirms per SMS an die Bergretter übertragen gibt einen eindeutigen Hinweis. Wer die App Whatsapp am Telefon installiert hat klickt auf das ,+‘ neben dem Eingabefeld. Dann erscheint in der Auswahl der Standort. So kann der aktuelle Ort schnell an die Bergretter verschickt werden. Auch die App des Österreichischen Alpenvereins sieht diese Funktion vor. In der offizielellen Saalbach App reicht ein Tippen auf den SOS Button um zur Notruf-Funktion inkl. Standortangabe zu gelangen. Wer beim Wandern verloren geht, findet übrigens ab diesem Sommer an den gelben Orientierungs-Wegweisern die jeweiligen Koordinaten. Wichtige Voraussetzung für eine Alarmierung: mit vollem Akku losgehen! Oder man packt bei Kälte oder längeren Touren sogar einen Reserve-Akku oder Powerbank in den Rucksack.“ Die Einsätze der Bergretter häufen sich im Winter und im Sommer und Sepp Mitterer erklärt sich das so: „Bergsport boomt. Die Wanderer und Wintersportler sind zwar besser ausgerüstet, als noch vor einigen Jahren, doch auch eine gute Ausrüstung ersetzt keine Tourenplanung! Auch werden die Sportler risikofreudiger, überschätzen ihre Fähigkeiten oder weisen ein mangelndes Gefahrenbewusstsein auf.“ Die Kosten, die ein Einsatz der Bergrettung verursacht, trägt der Bergsportler. Eine Bergeversicherung, wie sie etwa für Förderer der Bergrettung oder mit einer Alpenvereins-Mitgliedschaft inkludiert ist, deckt diese Kosten. Das Geld wird in Ausbildungen und Equipment investiert. Die Bergretter versehen ihren Dienst ehrenamtlich und Sepp Mitterer lacht: „Geld erhalten wir keines – im Gegenteil. Wir investieren selbst in das Bergrettungs-Outfit und die Skier, verrechnen keine Kilometer für Fahrten zum Einsatz oder Schulungen. Doch im Regelfall erhalten wir den Dank der Geretteten. Und das wiegt für uns Bergretter alles auf.“

 

Fotos: Edith Danzer (2), Rest Bergrettung Salzburg

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