Perfekter Feinripp. | © Edith Danzer
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Mission Feinripp

Wie die perfekten Skicircus-Pisten entstehen

Welch ein Genuss, wenn man als Erster auf dem Berg diese unberührte Piste vor sich sieht: wie ein weißer Teppich erstreckt sich die frisch präparierte Abfahrt vom Gipfel bis ins Tal! Wie entsteht des Skifahrers liebster Feinripp? Und warum gerade Feinripp-Muster? Wie fährt sich ein gewaltiger 13-Tonner und was macht einen guten Pistenraupenfahrer aus? Wozu braucht man ein GPS im Pistengerät? Auf der Suche nach Antworten werfe ich für die Saalbach Stories wieder einen Blick hinter die Kulissen, und begleite die Pistenpfleger der Hinterglemmer Bergbahnen bei ihrer Arbeit.

Die Pistenpräparierung beginnt im regulären Skibetrieb nach der letzten Kontrollfahrt des Pistendienstes, wenn die Urlaubsgäste nach der Pistensperre um 17:00 Uhr bereits beim Après Ski feiern oder am Weg zu einem feinen Abendessen sind. In den Nachtstunden werden die Spuren der vielen Wintersportler auf den Pisten des Skicircus ausgelöscht und die Hänge in den perfekten Soll-Zustand gebracht. Ich starte meine Recherche allerdings noch vor dem Saisonstart, und bekomme so die seltene Gelegenheit, die Pistenpräparierung bei Tag beobachten zu können.

 

Ein alter Bekannter

Als mich „meine“ Pistenraupe bei -12 °C mit orange blinkenden Drehlichtern im staubenden Pulverschnee an der Talstation Hochalm abholt, bin ich gleich doppelt überrascht. Mit einem freundlichen Lachen begrüßt mich Michael Hasenauer aus der Fahrerkabine, der Maroldengut-Bauer aus unserer Story über das Heuen. Kurzärmlig sitzt er auf seinem Fahrersitz und parkt die tonnenschwere Maschine vor mir ein. Also ist auch gleich meine erste Frage beantwortet: ein kalter Job ist es offensichtlich nicht. Aus dem Radio dudelt Weihnachtsmusik und über Funk kommt ab und zu eine Meldung vom Chef oder den Kollegen herein. „Dank GPS weiß der Betriebsleiter immer, wo man ist. Das Alleinsein muss einem aber liegen, denn bei 8- bis 10-Stunden in der Dunkelheit und bei jedem Wetter am Berg merkt man schnell, ob man für diesen doch manchmal recht einsamen Job geschaffen ist.“ Michael begann schon mit 19 Jahren als Pistenraupenfahrer bei den Hinterglemmer Bergbahnen. Seit 2015 arbeitet er in der Werkstatt, doch springt er immer noch im Frühdienst für Kollegen ein. Ich schaue mich in der Kabine der Windenmaschine um und mir fallen zwei Dinge auf: „alles Hightech“ und „eigentlich ganz komfortabel“.

Hightech in der Raupe

Auf dem Beifahrersitz werde ich bei der Fahrt über die noch unpräparierte Piste ganz schön durchgerüttelt. Michael, auf seinem luftgefederten Fahrersitz, bekommt diese Schläge freilich nicht mit und sitzt entspannt auf seinem beheizten Thron. Die Hände ruhen auf Hebeln und einem Art Joystick. Mit der linken Hand werden über zwei Hebel die beiden Ketten der Raupe angelenkt – mit der rechten Hand wird am Joystick das große 12-Wege-Schild vor der Raupe gesenkt oder gehoben, die Fräse zum Einsatz gebracht oder die überdimensionalen Scheibenwischer bedient. Gute Sicht ist wichtig, und Michael erklärt: „Die Front- und Seitenscheiben sind beheizbar, damit im Schneesturm die Scheibe nicht vereist. Im staubenden Neuschnee ist die Sicht ohnehin schon eingeschränkt. Zusätzlich gibt uns eine kleine Kamera am Heck der Raupe Information, was sich hinter der Maschine tut.“

 

Welcher Schnee seiner Meinung nach am besten zum Präparieren ist, möchte ich wissen und nach kurzer Überlegung meint er: „Technisch erzeugter Schnee! Er ist die perfekte Unterlage und durch seine Kompaktheit schützt er die Grasnarbe am besten.“ Zu Saisonbeginn erfolgt die Entstehung der Piste in drei Schritten – der in kalten Nächten zu großen Hügeln angehäufte maschinell erzeugte Schnee und der Naturschnee werden erst einmal grob über den Hang verteilt. Jetzt kommt das GPS-Gerät zum Einsatz, denn die Hänge des Skicircus wurden im Sommer per GPS im Überflug vermessen und in Karten erfasst. Auf dem Monitor der Schneehöhenmessung sind die unterschiedlichen Dicken der Schneeschicht farblich gekennzeichnet: rot für wenig Unterlage und blau für viel Schnee. So kann höchst effizient der Schnee verteilt und Schwachstellen ausgemerzt werden. Michael deutet auf den Monitor und meint: „Wir müssen noch diesen roten Fleck vor uns mit dem Schild angleichen, dann können wir mit dem Einwalzen beginnen.“

Warum Feinripp?

Das Einwalzen ist der zweite Schritt und dazu hängt Michael das 510 PS starke Gerät, eine Prinoth Leitwolf, an die Seilwinde. 1.200 m lang ist das Seil und erzeugt eine maximale Zugkraft von 4,5 Tonnen. Der grob verteilte Schnee wird nun mit enormer Kraft angepresst und im nächsten Schritt mit der Fräse am Heck eingestrichen. Er deutet auf einen weiteren kleinen Monitor neben dem Joystick. Wo eben noch Tacho, Temperatur und Motorinformationen abgebildet waren, zeigt sich nun feinster Feinripp, der sich hinter der Raupe ausbreitet.

Warum gerade dieses Muster, möchte ich wissen und Michael erklärt: „Das Präparieren der Pisten ist eine Wissenschaft und in der Entwicklung der Pistenraupen haben sich Forscher viele Gedanken gemacht. Durch die vergrößerte Oberfläche des Feinripps - im Fachjargon ,Finish’ genannt - kann die Kälte besser in den Schnee eindringen. Die Schneeforschung hat auch ergeben, dass sich der Schnee im Idealfall erst einmal setzen soll, bevor man ihn präpariert. Und am besten für die Präparierung ist, wenn der Neuschnee durch Skifahrer bereits verdichtet wurde.“ Warum ein Präparieren im laufenden Skibetrieb undenkbar – weil zu gefährlich – wäre, erklärt mir Michael so: „Jeder will als erster auf die frisch präparierte Spur und kommt der Raupe dabei gefährlich nahe. Zudem arbeiten wir heute fast ausschließlich mit Seil und Winde und da herrscht auf der Piste absolute Lebensgefahr!“ Was er damit meint, demonstriert er mir bei der nächsten Auffahrt. Er fährt den Hang einige Meter versetzt zur Abfahrtsspur hinauf und das Seil, das sich an einer Geländekuppe in den Boden gräbt, verschwindet kurz. Auf Spannung gebracht befreit es sich mit einem enormen Ruck aus der Kuppe und peitscht etwa 20 m quer über den Hang. „An jedem Hang, wo wir mit der Seilwinde präparieren, warnt ein oranges Drehlicht vor dieser Gefahr. Die Pistensperre ab 17:00 Uhr ist aus diesem Grund auch strikt einzuhalten.“

Ein gutes Gespür für Schnee

Nach unzähligen Berg- und Talfahrten ist der Feinripp-Teppich makellos und ich frage Michael: „Was macht einen guten Pistenraupenfahrer aus?“ „Am besten ist es, wenn der Raupenfahrer selbst begeisterter Skifahrer ist. Dann weiß er, worauf es ankommt. Es geht um die Gleichmäßigkeit und darum, dass keine Absätze zwischen den einzelnen Spuren entstehen. Als erfahrener Arbeiter im Pistendienst kennt man auch ,seine’ Piste genau und verliert bei schlechter Sicht nicht so leicht die Orientierung. Ich fahre jedes Jahr auch in andere Skigebiete in Österreich, der Schweiz oder in Südtirol, und natürlich schaue ich als erstes, wie dort präpariert wurde. Ich denke, im Skicircus sind wir ganz vorne mit dabei und haben alle ein sehr gutes Gespür für Schnee!“ Ob er selbst in den Genuss seiner frisch präparierten Piste kommt, will ich beim Abschied wissen und er verkündet fröhlich: „Ja, morgen habe ich frei und begleite die Schulklasse meiner Tochter auf die Pisten des Skicircus. Dann werde ich jeden Zentimeter Feinripp selbst genießen!“

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